Siege und Niederlagen - Schriftliche Arbeit für die Braungurtprüfung

Thema: Eine japanische Weisheit besagt: „Ein Mensch lernt wenig von seinem Siege, aber viel von seiner Niederlage.“

Aufgabenstellung: Wie interpretiere ich das allgemein, wie kann man das in meinem Jiu-Jitsu umsetzten und in wie weit hat das Einfluss auf mein Leben?

Um der Aufgabe gerecht zu werden und alle Bestandteile der Weisheit besser zu verstehen, muss man sich erst einmal die Frage stellen, warum siege ich? Um zu siegen, gibt es zwei denkbare Möglichkeiten.
Die erste wäre, dass ich so gut bin in dem was ich mache, dass ich dadurch siege. Ich also dem anderen durch fachliche Kenntnisse oder persönliche Fähigkeiten überlegen bin. Würde man versuchen diesen Zusammenhang in plattem Deutsch auszudrücken, dann würde man wohl einfach sagen: „Boa, bin ich gut!“ Soll ja alles vorkommen. Es gibt Leute, die sind wirklich in manchen Sachen so gut oder so perfekt, dass sie auf Grund ihrer Fähigkeiten den Sieg davontragen. Allerdings trifft das wohl eher für die Minderheit der Leute zu. Die Mehrheit von uns steckt auch immer und immer wieder in unserem Leben Niederlagen ein. Aber sind wir dadurch wirklich im Nachteil? Diese Frage sei erst einmal noch zurückgestellt. Zuerst möchte ich noch auf die zweite Möglichkeit eingehen, warum wir siegen.
Diese wäre in jedem Falle weniger rühmlich als die erste. Denn diesmal käme es schwerpunktmäßig nicht auf uns an, sondern auf unseren Gegner, über den wir siegen. Das liegt an der ganz simplen Tatsache, dass man zum Siegen noch nicht einmal besonders gut sein muss. Es reicht schon aus, wenn der Gegner schlechter ist als wir. Uns also im Können durch weniger Übung oder Lebenserfahrung unterlegen ist. In diesem Falle ist es für uns ein Leichtes zu siegen, ohne dass wir irgendwelche außergewöhnlichen Fähigkeiten oder Fachkenntnisse besitzen.

Oftmals entscheiden ganz einfache Dinge wie Tagesform oder Stimmung über Sieg oder Niederlage. Ist ein Sieg also wirklich aussagekräftig? Weiß man immer genau, ob es unser Verdienst war, dass wir gewonnen haben? Oder war es doch nur der andere, der uns hat „gewinnen lassen“? Wie viel kann uns ein Sieg eigentlich über uns selbst sagen? Die Antwort liefert die japanische Weisheit selber: wenig.
Aus genau den oben genannten Gründen.
Was unterscheidet nun aber den Sieg so in der Bedeutung für uns selbst von der Niederlage? Dazu muss man wissen, warum man oftmals im Leben eine Niederlage einsteckt oder wie die Umgangssprache zu sagen pflegt: „den Kürzeren zieht.“
Auch hier gibt es wieder zwei Möglichkeiten. Die erste wäre, dass unser Gegner einfach zu gut ist. Dies ist in den meisten Fällen allerdings wohl nicht mehr als eine rechte und billige Ausrede unserem eigenen Ego gegenüber. Denn meistens ist es dann doch eher das zweite Szenario, das zutrifft. Nicht der Gegner war zu gut, sondern wir waren nicht gut genug. Der Grund für unser Scheitern ist in unserer Schwäche zu suchen und nicht in der Dominanz des anderen. Wir sind es, die an unsere Grenzen stoßen.
Eine Niederlage egal aus welchem Grund wir sie einstecken, ist in jeden Fall immer physisch und psychisch. Man muss sich zwangsläufig mit beidem auseinander setzen. Physisch wäre, dass der Körper mit allem irgendwann an seine Grenzen stößt. Jeder von uns hat diese Grenzen. Aber jeder von uns hat diese Grenzen unterschiedlich weit oder eng gefasst.

Wir alle kennen es, wenn man einem Vortrag so und so lange zu gehört hat und irgendwann die Gedanken, egal wie sehr man sich bemüht, abschweifen und wir uns nichts mehr merken können. Wir sind an die Grenzen unserer Konzentrationsfähigkeit gestoßen. Oder, wenn der Läufer bei dem 25. Kilometer feststellt, er kann nur noch einen Schritt und nicht weiter, egal wie sehr er möchte. Die Muskeln können nicht mehr.
Das sind unsere physischen Grenzen. Wann immer so etwas passiert, stecken wir eine Niederlage ein.
Psychisch wird das Ganze dann in dem Augenblick, wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf uns richten. Dann müssen wir uns selbst eingestehen, dass wir es schuld sind, dass wir diese Niederlage einstecken mussten. Wir tragen die Verantwortung dafür und sollten uns nicht damit zufrieden geben, sie auf unsere physische Seite zu schieben.
Denn eins ist sicher. Jeder hat Grenzen, an die er gebunden ist, aber sicher ist auch, dass man durch Training, Disziplin und einer gehörigen Portion Willen und Ausdauer diese Grenzen zwar nicht brechen, aber doch immer und immer weiter nach hinten versetzen kann.
Wo die Niederlage als erstes immer physischer Natur ist, so ist die Zeit nach der Niederlage als erstes immer psychischer Natur. Dann heißt es, sich wieder zusammenraffen und trotzdem weitermachen und dafür sorgen, dass es beim nächsten Mal keine Niederlage mehr wird. An dieser Stelle kommen wir dann auch mit dem Begriff „lernen“ ins Reine, der zweimal in der japanischen Weisheit auftaucht. Denn zuerst muss man sich nach einer Niederlage, egal wie schmerzlich es zunächst auch sein mag, darüber klar werden, wo man denn nun die Fehler gemacht hat bzw., was man beim nächsten Mal besser machen könnte. In sofern lernt man dann aus seinen Fehlern. Man findet die Fehler und kann sich dann daranbegeben, an jedem einzelnen zu arbeiten, so dass am Ende im besten Falle die Fehler alle ausgebügelt sind.

Allerdings passiert dann meistens wieder folgendes: Man nehme zum Beispiel das Schach- spielen. Man hat es nun hunderte Male zu Hause mit dem Computer gespielt und sich hinterher anzeigen lassen, wo man die entscheidenden Fehler gemacht hat. Nach einiger Zeit macht man die Fehler nicht mehr und gewinnt immer müheloser. Da passiert es ganz von alleine, dass man sich nun für einen guten Schachspieler hält. Aber ist man es wirklich? Egal wie gut man ist und gegen wie viele Leute man gespielt hat, irgendwann werden die Siege zu einer Nebensache, einer Selbstverständlichkeit. Die Folge davon ist: man arbeitet nicht mehr weiter an sich. Genau das ist dann meistens der Zeitpunkt, wenn man auf den einen Gegner trifft, der etwas anders spielt als all die anderen vor ihm - und man verliert.
Lag man denn jetzt so falsch? War man nicht gut? Oder gibt es nicht immer den einen, der besser ist? Kann man eigentlich irgendwann irgendwas wirklich perfekt? Die Antwort auf all diese Fragen müsste nein sein. Man kann und muss sich sogar immer weiterentwickeln und sollte die Auseinandersetzungen mit anderen sogar suchen. Allerdings nicht um sich selbst zu beweisen, wie toll man ist. Das ist meistens wenig aussagekräftig und sowieso nur relativ, sondern um zu sehen, an welchen Sachen man noch arbeiten muss, wo die Schwierigkeiten oder Fehler liegen. Hat man die Fehler gefunden, dann kommt auf einen die Aufgabe zu, sich mit diesen auseinander zusetzten und zu versucht, diese zu überwinden. Alles in der Hoffnung, dass wir dies eines Tages schaffen und keine Fehler mehr machen, aber auch in dem Wissen, dass dies eigentlich nie machbar ist. Hierbei ist der Weg an sich schon als Ziel zu verstehen und nicht das Ziel selber.
Das ist es auch, was uns die japanische Weisheit sagen will: Habe keine Angst davor Niederlagen einzustecken, sie bringen dich wesentlich weiter im Leben als deine Siege. Nur bei einer Niederlage hast du die Möglichkeit zu lernen, wo deine Schwächen sind und an ihnen zu arbeiten. Bei deinen Siegen aber wirst du nur in dem Schein gelassen, dass du keine Schwächen mehr besitzt - bis du eines Tages mit der Nase drauf gestoßen wirst und dann kann es zu spät sein.

Für den Reifungsprozess eines Menschen sind also in jedem Falle die Niederlagen von größerer und auch entscheidenderer Bedeutung. Sie hinterlassen die tieferen Eindrücke in unserem Leben. Man wird sich immer an das eine Mal erinnern, wo man den Baum heruntergefallen ist, neben den hundert Malen, die man problemlos hinaufgeklettert ist.
Für mein Jiu-Jitsu ist vor allem der zweite Teil der Weisheit von Bedeutung. Die Niederlage, die uns die Chance bietet, viel über uns selbst zu erfahren. Auch beim Jiu-Jitsu lässt sich die Weisheit wieder auf mehreren Ebenen betrachten.
Zum einen auf der körperlichen. Man nehme beispielsweise das Randore. Hierbei sollte man sich nicht scheuen, auch mal gegen augenscheinlich bessere Gegner anzutreten, sondern gerade das sollte man tun. Nur so wird man auf die eigenen Fehler aufmerksam und kann an ihnen arbeiten. Aber nicht nur beim Randore oder Freikampf ist dieses Prinzip anwendbar.
Auch im normalen Training. So ist es für mich persönlich zum Beispiel gerade von Vorteil, was man anfänglich oder auf den ersten Blick als Nachteil hätte werten können, dass ich mit einer Person trainiere, die doch um einiges schwerer ist. So müssen wir uns bei den meisten Techniken ihm anpassen und er gibt bei den meisten Techniken den Ton an, wodurch immer wieder Probleme auftreten. Dadurch darf man sich aber keines Falls entmutigen lassen, sondern gerade da ist dann der Erfindungsgeist und der Wille zum Sieg gefragt. Das „immer weiter an sich arbeiten“, so dass man die Fehler dann später, wenn es im Leben drauf ankommen sollte, nicht macht.

Ich habe eben das Beispiel Randore angeführt. Nun kann es dabei, wie bei allen anderen Dingen im Leben ja auch mal passieren, dass man einen eindeutig schwächeren Gegner vor sich hat. In dem Falle sollte man sich dann nicht über seinen eigenen Sieg übermäßig freuen, sondern den anderen direkt auf seine Fehler aufmerksam machen und ihm so eine Chance geben, daran zu arbeiten. Das Ganze kann man natürlich auch wieder geistig betrachten, wobei eine enge Verwandtschaft zu dem Do Gedanken, den unser Jiu-Jitsu vertritt, deutlich wird. Nach jeder Niederlage, die wir einstecken müssen, ist es vor allem auch der Do Gedanke, der uns sagt, dass wir unsere eigenen Leidenschaften und Schwächen überwinden und so zu einer inneren Harmonie streben sollen, indem wir immer an uns arbeiten. Also, aus unseren Niederlagen lernen und den Mut dazu haben, uns selber einzugestehen, dass niemand von uns unfehlbar ist. Nur durch dieses „ immer weiter an sich arbeiten“, kann man schließlich zu einem Stadium gelangen, in dem sich sowohl Körper als auch Geist wohlfühlen.

Das wiederum kann man auf jede Situation für jeden Menschen übertragen. Für mich persönlich kann ich behaupten, dass ich in gewisser Weise schon diese Weisheit in meinem Leben beherzige. Die meisten nennen es dann bei mir Zähheit oder Sturheit, womit sie aber nichts anderes meinen, als dass ich nach einer Niederlage immer wieder aufstehe und noch verbissener zu Werke gehe.
Dazu könnte ich vielzählige Beispiele geben. Am naheliegensten nach dem Jiu-Jitsu ist wohl die Schule. Hierbei kann es durchaus passieren, dass man sich vor einer Klausur selbst überschätzt und dann wenn man die Klausur zurückbekommt und nicht das erreicht hat, was man sich vorgenommen hatte, erst einmal in ein tiefes Loch fällt. Aber der Sinn der Weisheit besagt ja gerade, dass man aus der Asche wieder auferstehen kann. Die wirkliche Anstrengung erfolgt an der Stelle, wo man sich wieder aufrafft und sich mit der Niederlage auseinandersetzt. Ich, in dem Falle, bin zum einen so sauer und so enttäuscht von mir selbst, dass ich mir eisern vornehme, es beim nächsten Mal besser zu machen, egal wie viel Zeit und Energie mich das kostet. Also guckt man sich die Klausur an und versucht herauszufinden, was schiefgegangen ist und wenn man sich lange genug damit auseinandergesetzte hat, dann verinnerlicht man die Fehler und macht sie in der nächsten Klausur nicht noch einmal.

Ein weiteres Beispiel aus meinem Leben über Sieg und Niederlage wäre auch meine Grüngurtprüfung. Eigentlich ein Sieg, aber ich habe mich eher wie bei einer Niederlage gefühlt, denn ich hatte am Ende das Gefühl, ich hätte den Gurt nicht richtig verdient gehabt, zu viele Fehler gemacht und war darum mit mir selbst unzufrieden. Ich habe versucht herauszufinden, woran es gelegen hat. Zum einen war mein Partner nicht wirklich für mich geeignet und zum anderen war ich mir in manchen Techniken einfach durch zu wenig Üben noch zu unsicher. Daraus musste ich dann für mich die Konsequenzen ziehen, den Partner zu wechseln und mehr an den Techniken zu üben, die ich noch nicht so gut konnte. Alles mit dem Ziel, es bei der nächsten Prüfung besser zu machen und dieselben Fehler nicht noch mal zu wiederholen. Gerade darum werden ja auch am Ende jeder Prüfung dem Einzelnen noch einmal seine Fehler gesagt, damit man daraus für die Zukunft lernen kann. Das wäre also eine weitere praktische Anwendung dieser Weisheit bei uns im Jiu-Jitsu.
Man kann generell sagen, dass dieses Sprichwort ziemlich großen Einfluss auf mein Leben hat und sogar ein Teil meines Charakters ist, denn ohne persönlichen Bezug zu dieser Weisheit hätte ich sicherlich ein anderes Thema gewählt. Ich denke des weiteren, dass es eine entscheidende Weisheit für jeden von uns ist und wir alle versuchen sollten, wenn es uns möglich ist, nach ihr zu leben und zu handeln. Das Wichtigste an der ganzen Weisheit sollte man jedoch nicht aus den Augen verlieren. Denn wenn man die Dinge im Leben aus dem Blickwinkel dieser japanischen Weisheit betrachtet, so ist selbst eine Niederlage noch ein Sieg für uns und wir sind es, die am Ende von der Niederlage mehr profitieren, als von jedem Sieg.

Sarah Rebig