Kampfsport – so aktuell wie noch nie?

Um über Kampfsport reden zu können, muss man erst einmal wissen, was man unter Kampfsport eigentlich versteht. Nach Definition ist Kampfsport ein Sammelbegriff für alle Zweikampfsportarten.

Ursprünglich versteht man darunter die Kampfsportarten aus Fernost, aber mittlerweile auch schon sämtliche andere aus der ganzen Welt. Da fällt einem wohl als erstes Capoeira ein, um nur ein Beispiel zu lernen. Wenn man aber normalerweise an Kampfsport denkt, fallen einem zuerst die großen asiatischen Kampfportarten ein: „Judo, Karate, Aikido, Jiu-Jitsu, Kendo (alle aus Japan), Taekwondo (aus Korea) und Kung-Fu (aus China).“

Allerdings muss man hierzu sagen, dass Kung-Fu nicht die eigentliche Kampfsportart, sondern lediglich die Gymnastik vor der eigentlichen Übung bezeichnet und sich darum heute nach und nach, immer mehr die richtigen Namen für die eigentlichen chinesischen Stile durchsetzen. Der korrekte Sammelbegriff für die chinesischen Kampfkünste lautet „Wu-Shu“ und heißt auf Deutsch übersetzt Kriegskünste.

Um nun aber auf die Aktualität von Kampfsport eingehen zu können, sollte man zunächst erst einmal einen Blick zurück in die Vergangenheit werfen und gucken, wo die Kampfkünste überhaupt herkommen und welche Ziele sie verfolgt haben.

So ist zuallererst schon einmal festzuhalten, dass Menschen schon immer gekämpft haben und das überall. Auch wenn sich die Kampfsportarten hier in Europa nie so profiliert haben, wie sie das in Asien getan haben, so gab es doch auch hier verschiedene Kampfstile. Im Folgenden möchte ich mich allerdings lediglich auf die Entwicklung der klassischen Kampfsportarten beschränken und die setzt vor mehreren tausend Jahren in Asien an. Zuerst entwickelten sich verschiedenen Stile auf dem Festland bis diese dann auch 12 Jahrhundert Japan erreichten. Wo dann über die Jahrhunderte hinweg ein eigenständiges System an Techniken entstand und aus dem sich die großen japanischen Kampfsportarten entwickelten, die wir heute kennen.

Die meisten Kampfsportarten kamen erst um die Jahrhundertwende ins 20. Jh. nach Deutschland und natürlich auch Europa insgesamt. In Deutschland wurden sie meist von hier weilenden japanischen Meistern und von den europäischen Seefahrern verbreitet. Um einmal ein paar Zahlen zu nennen, damit man mal eine konkrete Vorstellung bekommt. Judo gibt es in Deutschland seit etwa 1920/30, Karate seit 1960, Taekwondo seit 19 und Wu-Shu seit 19.

Aber warum machen die Menschen nun Kampfsport und haben ihn seit jeher gemacht?

Sicherlich ist bekannt, dass der waffenlose Kampfsport seit jeher in Asien eingesetzt wurde und sogar als Pflichtprogramm für die Samurai zu absolvieren war. Dabei war das ursprüngliche Ziel den Gegner im Kampf zu besiegen und/oder auch zu töten. Meist wurde unser heutiger Kampfsport aber nur angewendet, wenn man seine Waffe (das Schwert), im Kampf verloren hatte und war somit das letzte Mittel, das eigene Leben zu retten. Daher wurden diese Techniken bis zur physischen Perfektion immer und immer wieder trainiert. Die Ziele waren also klar. Doch dann als im 19. Jahrhundert nach und nach alle gewalttätigen Auseinandersetzungen verboten wurden und es nun zu keinen Kämpfen auf Leben und Tod mehr kam brauchte der Kampfsport eine neue Zielsetzung. Und hier hört für das erste auch unserer Geschichte auf und wir wagen nun die Sprung in die Modere und das hier und heute.

Hier gibt es auch wiederum zwei zentrale Fragen: Wer macht Kampfsport? – und – Warum wird Kampfsport gemacht?

Dazu werden wir uns nun die einzelnen Gruppen genauer angucken. Fangen wir einfach mal bei den „kleinen“ an. Heutzutage machen vor allem viele Kinder Kampfsport und fangen schon in recht jungen Jahren an. Dabei werden sich die Kinder wohl eher wenig denken, dafür die Eltern umso mehr. Fragt man nach, erhält man oft folgende Antworten: „Ich möchte, das meine Tochter sich zu behaupten lernt.“, „Ich möchte, das mein Sohn etwas selbstbewusster wird.“, „Ich möchte, dass mein Sohn etwas Selbstbeherrschung und Disziplin lernt.“, „Ich erhoffe mir, dass der Kampfsport etwas ausgleichend auf ihn wirkt.“ Oder auch einfach nur: „Meine Tochter wollte schon immer Kampfsport machen und ihr macht das einfach total viel Spaß.“ Man sieht also schon, dass oftmals verschiedene Gründe vorliegen oder man sich nicht nur auf einen Grund beschränken darf.

Unter Jugendlichen kommt dann auch noch der „Coolheitseffekt“, so nenne ich das jetzt einfach mal, dazu. Kampfsport ist trendy, in. Da hat man was zum vorzeigen. Gürtel, die man vorweisen oder sogar auch angeben kann. Viele Jugendliche machen sicherlich Kampfsport, weil auch gerade das gewinnen und bekommen, sie reizt.

Und sicherlich sind es auch oftmals die Eltern, die sich wünschen, dass ihr Kind mit Gürteln nach Hause kommt und denen es nicht nur wichtig ist, dass ihr Kind lernt, sich zu verteidigen und mit Konfliktsituationen umzugehen. Heutzutage ist manchmal der unmittelbare Erfolg (gemessen an Gürteln) vielen wichtiger, als der indirekte Erfolg, der beispielsweise sein könnte, das man keine Angst mehr hat, wenn man alleine im dunkeln einen Waldweg langgeht. Denn man weiß, es könnte etwas passieren, aber man weiß auch, dass man damit fertig werden würde. Leider wird dieser Erfolg häufig nicht gesehen oder genug gewürdigt und man beschränkt sich zu sehr auf die Äußerlichkeiten.

Auch hat der Kampfsport in dem Jugendlichen und auch jungen Erwachsenenalter noch ganz andere Probleme, die man auch häufig als Vorurteile dem Kampfsport gegenüber kennt. So zum Beispiel, dass der Kampfsport ein Sammelbecken für Brutalos und Schläger ist, denen an bedenkenlos, gefährliche Techniken beibringt. Oder auch, dass Kampfsport im Allgemeinen ein gefährlicher Sport ist, als manch anderer und es dort häufiger zu Verletzungen kommt. Dazu kann ich leider nicht für alle sprechen, sondern mich nur auf meine persönlichen Erfahrungen berufen, wenn ich sage, das wir nicht nur in unserem Prüfungsprogrammen, sondern auch schon bei der Anmeldung eine gewisse geistige Reife verlangen und sollte diese nicht gegeben sein, wir die Person gar nicht erst in den Verein aufnehmen. Ich denke, dies gibt den meisten Vereinen durchaus die Möglichkeit, sich ihre Mitglieder mit „bedacht“ oder doch wenigstens sorgsam auszusuchen. Leider kann man vorher sich nie ganz sicher sein, wie sich die Person entwickelt und erlebt doch manchmal noch unangenehme Überraschungen aus denen man dann aber die Konsequenzen ziehen muss (Vereinsrausschmiss). Vor Missbrauch ist man nie ganz sicher und schwarze Schafe gibt es überall. Was das zweite Problem angeht, kann ich nur sagen, dass jeder Sport die Gefahr mitbringt sich zu verletzten. Diesbezüglich habe ich mich auch mal mit einem Sportarzt unterhalten, der mir daraufhin nur sagte: „Jede Sportart hat für sie typische Sportverletzungen, die halt dort häufiger auftreten, als anderswo.“ Fußballer laufen häufiger auf Krücken herum, weil sie ihre Knie kaputt haben, Kampfsportler haben häufig Probleme mit Gelenken, da diese durch die Hebel stark belastet werden oder viele blaue Flecke aufzuweisen. Das hat der Fußballspieler allerdings auch. Es kommt halt immer darauf an, von welcher Seite man das betrachtet.

In dem etwa gleichen Altersabschnitt kommt allerdings auch noch eine ganz andere Personengruppe verstärkt zu uns: Mädchen und junge Frauen. Diese kommen vor allem aus einem Grund: Selbstverteidigung & Selbstbehauptung sind hier wohl die entscheidenden Schlagworte. In unserer heutigen Gesellschaft, die so ruppig, häufig rücksichtslos und nicht zuletzt auch gefährlich geworden ist, wo man Angst haben muss, wenn man in den falschen Vierteln nachts noch durch die Gegend geht, besonders in Großstädten. Und auch sonst ist die Gesellschaft an sich härter geworden. Wer es da nicht früh gelernt hat, sich zu behaupten und durchzusetzen und ein gesundes Selbstbewusstsein entwickelt hat, der wird es oftmals schwer haben. Gerade für diese Gruppe ist der Kampfsport ideal, um gegen solche Probleme und Ängste anzugehen.

Aber der Kampfsport ist nicht nur was für Kinder, Jugendliche und Frauen. Auch Männer aller Altersklassen können sich im Kampfsport zu Hause fühlen. Für sie ist dieser attraktiv dadurch, dass er den ganzen Körper anspricht und gut ausbildet und man so eine umfassende gute Körperliche Gesamtfitness erhält. So wird die Kraft, Ausdauer und Koordinationsfähigkeit geschult.

Doch all diese Gründe sind nicht alles, vielmehr sollte ich nun dort weitermachen, wo ich mit der geschichtlichen Entwicklung zu Beginn aufgehört habe. Im 19. Jahrhundert. Ihr erinnert euch noch: die Zweikämpfe waren verboten und gab es nicht mehr. Es war also nun nutzlos die Techniken bis zur Physischen Perfektion zu trainieren. Die Kampfkünste brauchten eine neue Zielsetzung. Die modernen Zielsetzungen kennen wir ja nun und diversen Gründe, warum Kampfsport gemacht wird. Und der Drang sich zu verteidigen oder zumindest verteidigen zu können, mag heute so hoch sein, wie schon seit langer Zeit nicht mehr, doch gibt es noch diesen eine, und wie ich finde auch entscheidenden Grund, Kampfsport zu machen und der den Kampfkünste damals auch über ihre Durststrecke hinweggeholfen und dafür gesorgt hat, das diese auch weiterhin existieren. Und das ist der Do-Gedanke. Do bedeutet übersetzt nichts anderes als „Weg, Lehre, Lebenssinn“. Das mag auf den ersten Blick einem wenig sagen. Wer vermag schon das Wort Kampfsport in Verbindung zu bringen mit Lebenssinn? Denn noch ist es so. Denn durch das erlernen von Techniken, lernen wir nicht nur die Techniken, sondern auch uns selber besser kennen. Durch das unterordnen und die Disziplin lernen wir Respekt und Achtung vor den Mitmenschen. Durch das beständige Mit- und Gegeneinander lernen wir es, was es heißt zu gewinnen und zu verlieren. Man lernt sich mit andere zu messen, sich Dinge sagen zu lassen, lernt Kritikfähigkeit und muss auch lernen, was wohl den meisten am schwersten fällt, dass es nicht nach dem geht, was man selbst will, sondern nach dem, was der Meister sagt. Man wird im Training nicht nur an seine physischen Grenzen getrieben, sondern auch an die psychischen. Man muss sich rumkommandieren lassen und Fehlverhalten wird oftmals durch Sonderübungen bestraft. Man muss lernen, seine Bedürfnisse hinten anzustellen, sein Egoistisches und an sich selbst orientiertes Denken abzustellen. Es wird Geduld und Disziplin verlangt, die auch notwendig ist, um über so lange Zeit hinweg die Techniken zu lernen. Man muss sehr ausdauernd und zielstrebig sein, wenn man am Ende was erreichen will. Und das sollte, dann nicht der erhoffte Gürtel sein, sondern das Ziel ein besserer Mensch geworden zu sein. Ziel ist somit eine Charakterschulung, um letzten Endes zufrieden mit sich und seiner Umwelt zu leben.

Für mich ist dies die eigentliche Aufgabe des Kampfsportes. Die Menschen hinführen zu besseren Menschen. Ihnen einen Spiegel vorhalten, wer sie sind und zeigen, was sie sein könnten. Auf der Matte, weit ab von der Welt, ist der ideale Platz um alles andere außen vor zu lassen und zu sich selbst zu finden. Der Weg dahin erfolgt durch die Technik und durch die Form, in der das Training abläuft. Gerade heute, wo moralische und ethische Werte einen immer schwereren Stand haben und alles nach dem Prinzip „der Rücksichtslosere gewinnt.“ abläuft, ist es wichtig, wenn man von irgendwoher noch Werte wie Treue, Mut und Hilfsbereitschaft vermittelt bekommt.

Daher ist Kampfsport für mich so aktuell wie noch nie, nicht weil er cool ist, nicht nur, weil man darin lernt sich zu verteidigen, sondern vor allem, weil man lernt, ein besserer Mensch zu werden.

Sarah Rebig